In thinkBI Folge 44 geht es um eine Erfahrung aus einem laufenden BI-Projekt: Eine auffällige Kennzahl lässt sich oft schnell finden. Bis ihre Ursache fachlich geklärt, technisch korrigiert und erneut geprüft ist, können jedoch mehrere Beteiligte und Systeme ins Spiel kommen.
Genau dort entsteht Latenz. Nicht weil niemand arbeitet, sondern weil die nächste sinnvolle Handlung von einer anderen Person abhängt.
Eine Zahl wird nicht im Dashboard richtig
Die Aufgabe im Projekt besteht darin, Kennzahlen auf einer analytischen Plattform mit Microsoft Fabric und Power BI zu validieren. Das semantische Modell wurde von einem Mitarbeiter des Kunden aufgebaut. Seine Datengrundlage ist ein Data Warehouse, das ein externer Dienstleister aus mehreren Vorsystemen speist. Für die fachliche Erwartung an die Kennzahlen ist wiederum die Anfordererseite notwendig.
Schon diese Konstellation zeigt: Die sichtbare Zahl im Dashboard ist das Ergebnis einer Kette verteilter Beiträge.
Bei der Prüfung von Umsätzen diente eine Auswertung aus LucaNet als fachliche Referenz. Bestimmte Umsätze waren dort vorhanden, im BI-Dashboard jedoch nicht. Die Analyse des Ladewegs zeigte, dass der fehlende Bereich bereits im Data Warehouse nicht bereitgestellt wurde.
Der fachliche Hintergrund lag in den Vorsystemen. Neben einem Projektabwicklungssystem gab es ein Abrechnungssystem. Einige Vorgänge liefen nicht über das Projektsystem, sondern existierten ausschließlich im Abrechnungssystem. Die konsolidierte Sicht im Data Warehouse berücksichtigte aber nur Umsätze mit einem zugehörigen Projekt.
Das Dashboard konnte diese Umsätze nicht anzeigen. Das semantische Modell konnte sie nicht ergänzen. Die Information fehlte bereits weiter vorn in der Datenstrecke.
Damit aus der sichtbaren Abweichung eine belastbare Korrektur werden konnte, waren mehrere Schritte nötig: Der Anforderer musste die erwartete fachliche Aussage erläutern. Gemeinsam mit dem Bereitsteller des Data Warehouse musste der Sonderfall verstanden werden. Anschließend war die Datenbereitstellung anzupassen und neu zu laden. Erst danach ließ sich die Kennzahl erneut prüfen.
Eindeutige Schlüssel sind eine fachliche Voraussetzung
Ein zweiter Fall betraf Kundennummern. In einem alten und einem neuen System wurden Nummern verwendet, die miteinander kollidierten. Im Power-BI-Dashboard führte das dazu, dass Umsätze dem falschen Kunden zugeordnet wurden.
Technisch betrachtet waren die Kundennummern vorhanden. Für eine systemübergreifende Analyse waren sie jedoch nicht eindeutig genug. Die Zuordnung musste entlang der analytischen Strecke geprüft und korrigiert werden. Zusätzlich fehlten Kunden, die ausschließlich im Abrechnungssystem vorkamen.
Auch hier war das sichtbare Problem nur der Endpunkt. Eine falsche Kundenzuordnung im Bericht kann ihre Ursache in der Zusammenführung von Quellsystemen, in der Bereitstellung des Data Warehouse oder in der Referenzierung des analytischen Modells haben. Wer nur auf die Visualisierung schaut, sieht den Fehler, aber noch nicht seinen Entstehungsort.
Datenvalidierung bedeutet deshalb mehr als den Vergleich zweier Werte. Sie verlangt eine fachliche Erwartung, anhand derer eine Abweichung überhaupt erkannt werden kann. Sie verlangt außerdem die Rückverfolgung durch die Datenstrecke und eine Person, die am betroffenen Punkt tatsächlich etwas ändern kann.
Verteilte Verantwortung erzeugt Wartezeit
In einem kleinen, vollständig selbst verantworteten Setup können Analyse, fachliche Rückfrage und technische Korrektur eng beieinanderliegen. In arbeitsteiligen Projekten sind diese Fähigkeiten und Berechtigungen verteilt.
Der Fachbereich kann sagen, welcher Umsatz erwartet wird und wie ein Filter fachlich reagieren soll. Die BI-Seite kann nachvollziehen, an welcher Stelle eine Abweichung sichtbar wird. Der Betreiber des Data Warehouse kann prüfen, welche Vorsysteme und Sonderfälle in der bereitgestellten Sicht enthalten sind. Jede Perspektive ist notwendig, aber keine reicht allein aus.
Damit entsteht zwischen den Arbeitsschritten Wartezeit. Ein fachlicher Sachverhalt muss geprüft werden. Ein Dienstleister braucht ein Zeitfenster für die technische Analyse. Ein Ladeprozess muss angepasst und erneut ausgeführt werden. Danach beginnt die Validierung an derselben Stelle noch einmal.
Diese Latenz ist nicht automatisch ein Zeichen schlechter Zusammenarbeit. Sie ist zunächst eine Eigenschaft des Projektsystems: Verantwortung, Wissen und technische Veränderungsmöglichkeiten liegen bei unterschiedlichen Beteiligten. Problematisch wird sie dort, wo diese Abhängigkeiten unsichtbar bleiben und die Planung so tut, als könne jede Aufgabe ohne Unterbrechung abgearbeitet werden.
Fortschritt besteht auch aus geklärten Übergaben
Für die Projektarbeit verändert das den Blick auf Fortschritt. Eine gefundene Abweichung ist noch keine Korrektur. Eine besprochene Ursache ist noch keine neu geladene Datenbasis. Und eine technische Anpassung ist noch keine fachlich bestätigte Kennzahl.
Jeder dieser Zustände braucht eine klare Übergabe an den nächsten Verantwortlichen. Der konkrete Fall, die erwartete Aussage und der beobachtete Unterschied müssen so beschrieben sein, dass die Prüfung nicht wieder bei null beginnt. Nach der Korrektur muss erkennbar sein, was verändert wurde und welche Validierung noch aussteht.
Das beseitigt die Wartezeit nicht. Es macht sie aber als Teil der Arbeit sichtbar. Gleichzeitig verhindert es, dass fachliche Klärung, technische Umsetzung und erneute Prüfung zu einem einzigen unscharfen Arbeitspaket verschmelzen.
Business Intelligence verbindet Entscheidungen systematisch mit Informationen. Diese Verbindung entsteht in arbeitsteiligen Projekten nicht durch ein Werkzeug allein, sondern über mehrere verantwortete Übergänge hinweg. Die entscheidende Frage ist daher nicht nur, wie schnell ein einzelner Beteiligter arbeitet. Sie lautet auch: Wie organisieren wir die Zeit zwischen den Beteiligten, ohne den fachlichen Zusammenhang zu verlieren?
🎧 Die komplette Folge findest du im thinkBI Podcast.

Musik: Great Podcast Intro (short & long) von Lundstroem
Quelle: freemusicarchive.org (Creative Commons) – https://freemusicarchive.org/music/lundstroem/songs-for-leona/great-podcast-intro-both-short-and-long-version-included/

