Im thinkBI Podcast ging es zuletzt um Prototyping und damit um die Frage, wie gute Dashboards vor ihrer technischen Umsetzung gedacht werden müssen. Daran schließt sich unmittelbar eine zweite Frage an: Nach welchen Prinzipien sollte diese Form gebaut werden, damit sie nicht nur vorhanden ist, sondern auch verstanden wird?
Viele Dashboards wirken überladen, obwohl sie eigentlich Orientierung geben sollen. Es gibt Farben, Hintergründe, Legenden, Icons, Rahmen und allerlei visuelle Entscheidungen. Und trotzdem bleibt oft unklar, was die eigentliche Aussage sein soll.
Eine mögliche Antwort liefert IBCS, genauer: die dort formulierte SUCCESS-Formel. Nicht im Sinne eines starren Regelwerks, sondern als Denkrahmen. Nicht für Zertifizierungswissen, sondern als Hilfe, damit Dashboards nicht nur gebaut, sondern verstanden werden können.
Das sichtbare Problem ist selten nur Gestaltung
Auf der Oberfläche geht es um Visualisierung. Um Farben, Diagrammtypen, Beschriftungen oder Legenden. Aber das eigentliche Problem liegt tiefer. Viele Darstellungen entstehen aus Gewohnheit, Geschmack oder den Standards eines Tools. Sie folgen keiner bewussten Logik, sondern wachsen aus dem Machbaren.
Dann passiert etwas, das in BI-Projekten häufig zu beobachten ist: Die Visualisierung ist da, aber die Verständigung nicht. Ein Bericht zeigt Zahlen, aber er führt nicht. Er hat Elemente, aber keine Sprache. Er ist grafisch vorhanden, aber semantisch unscharf.
Darum ist der Einstieg über die Botschaft so wichtig. Das erste S in SUCCESS steht für „Say“. Bevor ein Dashboard gestaltet wird, sollte klar sein, was eigentlich gesagt werden soll. Nicht jede Seite braucht nur irgendeine Ansammlung von KPIs. Sie braucht eine Aussage, die lesbar werden soll. Das ist keine rhetorische Zutat. Das ist die Voraussetzung dafür, dass Gestaltung überhaupt sinnvoll werden kann.
Einheitlichkeit ist kein Formalismus
Ein zweiter zentraler Gedanke liegt in der Vereinheitlichung. Wenn dieselbe Bedeutung in jedem Bericht anders dargestellt wird, muss der Leser jedes Mal neu lernen, wie etwas gemeint ist. Dann verbraucht das Dashboard kognitive Energie für Entschlüsselung, statt sie für Erkenntnis freizumachen.
Genau hier setzt die Idee der semantischen Notation an. Wenn Ist-Werte, Plan-Werte, Forecasts oder Vergangenheitswerte konsistent kodiert sind, wird aus Gestaltung eine Sprache. Nicht weil alles gleich aussehen soll, sondern weil Vergleichbarkeit erst dann wirklich möglich wird. Standardisierung dient hier nicht der Ästhetik. Sie dient der Lesbarkeit.
Das ist ein wichtiger Perspektivwechsel. In vielen Diskussionen über Dashboard-Design wird Gestaltung als Geschmacksfrage behandelt. Genau diese Annahme greift zu kurz. Gute Gestaltung ist nicht in erster Linie Dekoration. Sie ist eine Form von Verständigungsarbeit. Wer Standardisierung nur als Einschränkung betrachtet, übersieht, dass gemeinsame Notation eine Voraussetzung für gemeinsame Interpretation ist.
Mehr Klarheit entsteht oft durch Weglassen
Ein zweites Motiv ist Verdichtung. Informationsdichte steigt nicht automatisch, wenn mehr Elemente auf einer Seite liegen. Oft steigt sie erst dann, wenn Überflüssiges entfernt wird.
Das betrifft Hintergründe, 3D-Effekte, dekorative Farben, Logos ohne inhaltliche Funktion, redundante Beschriftungen oder Legenden, die nur deshalb nötig werden, weil das Chart nicht direkt lesbar ist. All diese Elemente mögen harmlos erscheinen. In Summe erzeugen sie jedoch Rauschen. Sie binden Aufmerksamkeit, ohne Erkenntnis zu schaffen.
Damit ist kein asketischer Reinheitsanspruch gemeint. Es geht nicht um ein dogmatisches Verbot jeder gestalterischen Entscheidung. Es geht um die Frage, ob ein Element etwas erklärt oder nur Fläche besetzt. Ob es Orientierung schafft oder Aufmerksamkeit verbraucht. Ob es Bedeutung trägt oder nur nach Gestaltung aussieht.
Gerade darin liegt die Stärke des IBCS-Bezugs. Die Regeln werden nicht als Stilvorschriften vorgestellt, sondern als Mittel, um den Blick auf das Wesentliche freizuräumen. Ein Dashboard soll nicht beeindrucken. Es soll lesbar machen, was relevant ist.
Visualisierung ist eine organisatorische Frage
Damit wird das Thema größer als reine Diagrammauswahl. Denn sobald Dashboards als Kommunikationsform verstanden werden, geht es nicht mehr nur um Visualisierungstechnik. Es geht um die Fähigkeit einer Organisation, sich auf gemeinsame Darstellungsprinzipien zu einigen.
Auch deshalb schließt dieser Gedanke an das Thema Prototyping an. Auf dem Whiteboard oder dem Blatt Papier können Menschen gemeinsam über Form sprechen. Mit IBCS oder ähnlichen Standards können sie später auch gemeinsam über Leselogik sprechen. Das eine schafft Entwurf. Das andere schafft Konvention.
Beides gehört zusammen. Ein Dashboard wird nicht dadurch besser, dass ein Einzelner mehr Gestaltungsfreiheit hat. Es wird besser, wenn ein Team eine gemeinsame Sprache für relevante Unterschiede entwickelt. Welche Zahl ist Ist? Welche ist Plan? Was gehört zusammen? Welche Visualisierung passt zu einer Struktur, welche zu einem Zeitverlauf? All das sind keine Detailfragen. Es sind Voraussetzungen dafür, dass ein Bericht im Alltag anschlussfähig wird.
Gute Dashboards sind Klarstellungen
Die eigentliche Pointe ist deshalb schlicht und weitreichend zugleich: Gute Dashboards entstehen nicht aus Lust an Visualisierung. Sie entstehen aus dem Versuch, Aussagen so zu ordnen, dass sie verstanden werden können.
Das verändert auch den Blick auf scheinbar kleine Designentscheidungen. Eine direkte Datenbeschriftung statt einer umständlichen Achsenablesung. Keine Legende, wenn die Bedeutung direkt am Objekt stehen kann. Weniger Farben, damit Farbe überhaupt Bedeutung tragen kann. Passende Diagrammtypen, weil nicht jede Form dieselbe Denkbewegung unterstützt. Solche Entscheidungen sind keine Kosmetik. Sie sind Klarstellungen.
Vielleicht liegt genau darin der produktivste Gedanke: Dashboards müssen nicht originell sein. Sie müssen verständlich sein. Und Verständlichkeit entsteht nicht zufällig. Sie entsteht dort, wo Botschaft, Notation, Reduktion und Struktur zusammenkommen.
Wenn man Dashboards so betrachtet, wird IBCS nicht zu einem Kanon richtiger Formen. Es wird zu einer Erinnerung an etwas Grundsätzliches: Business Intelligence braucht nicht mehr Visuals. Sie braucht mehr Lesbarkeit.
🎧 Die komplette Folge findest du im thinkBI Podcast.

Musik: Great Podcast Intro (short & long) von Lundstroem
Quelle: freemusicarchive.org (Creative Commons) – https://freemusicarchive.org/music/lundstroem/songs-for-leona/great-podcast-intro-both-short-and-long-version-included/

